Interview mit Prof. Dr. Markus Nickl

Prof. Dr. Markus Nickl gründete nach seiner Promotion zum Thema Verständlichkeit von Gebrauchsanleitungen 1998 die doctima GmbH. Textverständlichkeit, Institutionelle Kommunikation, Organisation von Redaktionen, Softwarelösungen und Social Media bilden Themenschwerpunkte seiner Arbeit. Er publiziert regelmäßig zu diesen Themen. Prof. Dr. Nickl berät im Internetforum der tekom Mitglieder zu Fragen der Textverständlichkeit.

Markus Nickl bloggt regelmäßig unter http://blog.doctima.de.

Hinweis: Dieser Artikel ist im Praxishandbuch „Technische Dokumentationen“ bei WEKA Media erschienen. Gerne vermitteln wir Ihnen ein kostenloses Probeabo. Nehmen Sie dazu Kontakt zu uns über das Kontaktformular auf.

markusnickl

Er lehrt an verschiedenen Hochschulen zum Themenfeld Technik-Dokumentation. Markus Nickl ist als Redaktionsbeirat bei mehreren Fachzeitschriften tätig. Seit 2012 ist er Honorarprofessor an der Universität Aarhus (Dänemark).

Wie kamen Sie zur Technik-Dokumentation?

Aus der Wissenschaft. Nach meinem Lehramtsstudium (Deutsch/Englisch) Ende der Achtziger bekam ich das Angebot im Fachbereich Linguistik zu promovieren. Auf der Suche nach einem spannenden Thema bin ich dann auf die Textsorte Gebrauchsanleitungen gestoßen. Die war damals – sagen wir mal – theoretisch unterbelichtet. Auch in der Berufspraxis gab es damals ja nur wenige Leute, die sich als Technik-Redakteure verstanden haben. Die tekom war Anfang der Neunziger gerade erst dabei, das Berufsprofil aufzubauen.

Schon während meiner Promotion – zu Beginn der neunziger Jahre – habe ich mich außerdem mit dem damals noch neuen WWW beschäftigt und als Webdesigner gearbeitet – auch wenn das zu der Zeit noch keiner so nannte. Ein weiterer Baustein auf meinem Weg in die Technik-Dokumentation.

Gegen Ende der Promotion habe ich dann meine Ergebnisse mit einem befreundeten Betriebswirt diskutiert. Und der meinte dazu „Das ist ja super spannend. Wo kann man so was denn kaufen?“ Für mich als Geistes- und Sozialwissenschaftler war dieser Blickwinkel eher fremd. Wir blenden ja gerne die ökonomische Dimension unserer Arbeit aus. Deshalb war für mich diese Frage ein echtes Aha-Erlebnis: Es gibt wirklich Leute, die bereit sind Geld auszugeben für das, was ich weiß und kann. Ich hatte zu der Zeit zwar ein Angebot für eine Habilitation in einem interessanten Projekt. Aber ich hatte auch das Gefühl, ich will jetzt endlich einmal etwas praktisch bewegen. Und so habe ich dann den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und doctima gegründet, die Agentur für Technische Dokumentation, die ich auch heute noch leite.

Ach ja, nebenbei bin ich auch noch Honorarprofessor am Fachbereich Business Communication der Universität Aarhus. So ganz habe ich mich dann doch nicht von der Wissenschaft verabschiedet.

Was machen Sie genau?

Wie schon gesagt, zunächst einmal bin ich Geschäftsführer bei der doctima GmbH in Fürth, zusammen mit meinen Kollegen Katrin Thurnhofer und Edgar Hellfritsch. Ich bin für mehrere Themenbereiche verantwortlich: Finanzen, Marketing, Vertrieb und die Leitung unseres Seminarbereichs. Inhaltlich bin ich in der Rolle des Trendscouts, d. h. ich sehe mir an, welche Trends sich in unserer Branche auftun, wo betriebliche Textsorten existieren, die man optimieren könnte und in welchen fachfremden Branchen (z. B. Banken, Behörden) unser Wissen aus der Technik-Dokumentation gebraucht wird.

Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie in Ihrer Tätigkeit?

Das Denken in Herausforderungen ist mir eher fremd. Ich sehe aber eine Menge Chancen für die Zukunft. Grundsätzlich habe ich mich schon immer für die Digitalisierung in der Technik-Dokumentation begeistert. Mit mobiler Dokumentation und Information 4.0 sind hier zwei neue Trendlinien entstanden, von denen ich auch für mich noch viel Spannendes erwarte für die nächsten Jahre.

Haben Sie Schwerpunkte, wichtige Bereiche, die Sie bearbeiten?

Bei doctima bin ich ja unter anderem für das Marketing verantwortlich und das schlägt sich auch in meinen Kundenprojekten nieder. Die fallen meistens eher in den Bereich Technisches Marketing/Technische PR. Da geht es dann z. B. darum, für ein Software-Unternehmen ein Blog aufzubauen oder für einen Maschinenbau-Zulieferer ein Whitepaper zu verfassen.

In der Technik-Dokumentation im engeren Sinn bin ich meist beratend unterwegs oder ich mache Schulungen und Workshops. Typische Themen sind da z. B. Modularisierungsmodelle für technische Informationen, Standardisierungs-Projekte oder ein Qualitätssicherungskonzept für eine Technik-Redaktion.

Nur ganz selten bin ich in Projekten aktiv, in denen es ganz klassisch darum geht, Handbücher zu erstellen. Das macht mir zwar auch Spaß, weil man da ganz konkret sieht, wie viel man geschafft hat. Aber solche Projekte laufen meist länger und das lässt sich mit den häufig wechselnden Anforderungen als Geschäftsführer nur schwer verbinden.

Was tun Sie für die Verbesserung der Reputation von Anleitungen?

Eine ganze Menge: Zum einen engagieren wir bei doctima uns ehrenamtlich, z. B. in der tekom oder durch Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen. In der tekom war ich in Mitglied in mehreren Arbeitsgruppen, bei denen es darum ging, entweder die Qualität von Anleitungen zu erhöhen („Englisch für deutschsprachige Autoren“) oder Anleitungen moderner und interessanter zu machen („Social Media“, „Mobile Dokumentation“).

Bei unseren Projekten ist es unser Ziel, mit dem zur Verfügung stehenden Budget die bestmögliche Anleitung für die Zielgruppe aufzubauen. Das kann dann schon mal bedeuten, dass wir auf eine Printanleitung verzichten und nur eine mobile Infoplattform bereitstellen, wenn die Zielgruppe hauptsächlich Leute aus der Generation Y umfasst. Denn die Anleitung muss zur Zielgruppe passen, auch daran entscheidet sich die Reputation.

Generell versuchen wir in jedem Projekt, Dokumentation weiter zu denken, d. h. wir sehen uns an, in welcher Form die Anleitung einen Mehrwert über die konkrete Instruktion und die Risikoabsicherung hinaus erzielen kann. Da kann es schon sein, dass die Anleitung dann ein Baustein im Suchmaschinen-Marketing des Unternehmens wird. Auch das ist ja ein wichtiger Aspekt bei der Reputation von Anleitungen: die Reputation, die die Technik-Dokumentation im Unternehmen hat.

Generell habe ich den Eindruck, dass sich das Bild von Anleitungen in der Öffentlichkeit schon verbessert hat. Ende der Neunziger waren in der Presse Artikel mit den witzigsten Anleitungen beliebt. Meistens hat man dort immer wieder die gleichen Texte gesehen. Das findet heute in der Form nicht mehr in der Öffentlichkeit statt. Ich glaube, die meisten Leute sehen Anleitungen wie eine Vorsorgeuntersuchung beim Arzt: schon wichtig, aber Spaß macht das nicht. Und mit der Einstellung kann man ja arbeiten, um etwas zu verbessern.

Wie motivieren Sie Ihre Leser, wie bringen Sie die Leser zum Lesen?

Das fängt schon bei den Basics an. Grundanforderung für jede Anleitung ist: Der Kunde muss die Anleitung im Nutzungsfall zur Verfügung haben und er muss das Vertrauen haben, dass er in der Anleitung Hilfe finden wird. Dazu braucht er schnelle Zugangswege in den Text. Wenn ich den Eindruck habe, dass ich eine Information schneller google als in der Anleitung finde, dann werde ich die Anleitung nicht verwenden. Dabei ist natürlich auch die Wahl des richtigen Mediums entscheidend. Das kann je nach Anwendungsfall einmal eine mobile Dokumentation sein oder eine Printanleitung; je nachdem, was den Benutzer schneller zum Erfolg führt.

Dann gehört zu einer motivierenden Anleitung die Gestaltung. Eine Anleitung muss (zumindest für Endkunden) schick aussehen, damit ich sie gerne in die Hand nehme – es muss Spaß machen, mit ihr zu arbeiten. Gleichzeitig darf sie aber nicht verspielt oder optisch überfrachtet sein.

Spaß ist noch ein drittes Schlagwort. Für viele bedeuten Anleitungen immer noch ein „Arbeits“mittel. Und viele assoziieren mit Arbeit nicht unbedingt Spaß. Wir beschäftigen uns deshalb seit einiger Zeit mit Gamification und überlegen uns, wie sich Ansätze aus der Spieleentwicklung für Anleitungen produktiv umsetzen lassen. Da wird sich in den nächsten Jahren sicher noch einiges tun.

Welche besonderen Herausforderungen haben Sie in Ihrer Tätigkeit gemeistert?

Ich glaube die größte Herausforderung ist – und die habe ich jeden Tag wieder zu meistern –, das, was man im Prinzip weiß und im Kopf hat, so zu formulieren, dass es für andere verständlich ist und praxiswirksam werden kann. Das betrifft sehr viele Aspekte meiner Arbeit, sowohl in den Projekten als auch in Seminaren und Workshops oder im Marketing.

Aus welchen Fehlern haben Sie gelernt?

Ich habe früher Leuten, besonders auch Anfängern, zu viel Freiheit in ihrer Arbeit gelassen. Ich hatte mir damals gedacht, das sind ja alles intelligente Leute, warum soll ich denen etwas vorschreiben, vielleicht haben die ja eine viel bessere Lösung als ich.

Erst nach ziemlich langer Zeit haben mir diese Kollegen dann gestanden, dass sie zu dem Zeitpunkt mit dieser Freiheit überfordert waren. Was ich als Ausdruck der Wertschätzung gemeint hatte, hat für die Kollegen dazu geführt, dass sie sich überfordert gefühlt haben. Heute gehe ich das langsamer an und mache mir mehr Gedanken über die individuellen Bedürfnisse, ob jemand mehr Führung oder Freiraum erwartet.

Was sagen Sie zu der Aussage: die Technik-Doku liest sowieso keiner? Ist die Technik-Dokumentation nicht so wichtig?

Ich halte das für ein Missverständnis. Zugegeben, ich habe schon oft Leute getroffen, die genau das behauptet haben. Aber wenn ich  nachhake, was sie z. B. tun, wenn das Gerät nicht mehr läuft, dann geben sie zu, dass sie in so einem Fall schon in die Anleitung gucken. Aber normalerweise lesen sie sie nie!

Ich glaube, was die Leute sagen wollen, ist etwas, das Technik-Redakteure schon lange wissen: Die Technik-Doku liest keiner so wie einen Roman, von Anfang bis Ende, mehr oder weniger in einem Satz. Eine DIN-Studie aus dem Jahr 2009 hat ergeben, dass die ganz große Mehrheit der Produktnutzer eben doch die Anleitungen liest und relativ viele Nutzer sie sogar komplett von Anfang bis Ende. Das macht doch Mut, oder?

Gibt es ein besonders schönes Erlebnis in Ihrem Berufsleben, das die Wichtigkeit Ihrer Arbeit unterstreicht?

Wir hatten einmal einen Kunden, einen mittelständischen Maschinenbauer, der eine Maschine mit einer Press-Einrichtung produziert hatte. Bei der Begehung hatte unser Technik-Redakteur den Entwickler des Kunden gefragt, was denn passiert, wenn der Bediener im Prüfbetrieb den Arm in die Presse bekommt. Die trockene Antwort des Entwicklers: „Das macht der nur einmal.“

Wir haben dann darauf hingewiesen, dass das baulich ausgeschlossen werden muss. Der Wunsch des Kunden war, dass wir das in der Anleitung durch Instruktion ausschließen. Letzten Endes haben wir das dann auch gemacht und in der Abschluss-Rechnung des Kunden eine Passage eingefügt, dass die Anleitung nach Kundenspezifikation gefertigt wurde, wir aber darauf hinweisen, dass die Anlage mit dieser Spezifikation nicht CE-tauglich ist. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich der Kunde das dann anders überlegt und uns gebeten, die Anleitung zu überarbeiten. Das ist schon ein gutes Gefühl zu wissen, dass man (potenziell) jemand vor schwerem körperlichen Schaden schützen konnte.

Was macht Ihnen besonderen Spaß in Ihrer Tätigkeit?

Puhhh, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, so viel fällt mir da ein. Als Technik-affiner Mensch finde ich es natürlich toll, immer wieder mit den neuesten und innovativsten Produkten zu tun zu haben. Ich habe da im Laufe meines Berufslebens eine Menge gelernt.

Das Gleiche gilt auch für die Arbeit in den Unternehmen. Man hat immer wieder mit den verschiedensten Abteilungen zu tun, die ganz unterschiedlich ticken. Ich finde das extrem spannend und freue mich immer wieder, wenn es gelingt, unterschiedliche berufliche Kulturen an einen Tisch zu bringen.

Last, not least: Die Arbeit mit Sprache und Medien. Den einen Tag geht es bei mir darum, kreative Ausdrucksmöglichkeiten für einen Blogbeitrag zu finden. Den nächsten Tag ist es meine Aufgabe, sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten so zu standardisieren, dass dieselbe Tätigkeit immer auf dieselbe Art formuliert wird. Den einen Tag schreibe ich einen ganz klassischen Text mit Word für ein Printprojekt; den nächsten überlege ich mir, wie sich Information bestmöglich mobil an die Nutzer bringen lässt. Das ist eine sprachliche Bandbreite, die so wohl kein anderer Beruf bieten kann.

Was macht Ihnen Mühe bzw. keinen Spaß?

Kostendruck und Zeitdruck. Aber wer mag das schon gerne. Generell bin ich auch jemand, der sich ungern in die Detailebene vergräbt; ich entwerfe da lieber einen großen Gesamtrahmen, ein Konzept oder eine generelle Leitlinie. Mir ist schon bewusst, dass natürlich auch die Details in einem Projekt extrem wichtig und sogar erfolgsentscheidend werden können. Deswegen bin ich sehr froh, dass wir bei doctima einige Kollegen haben, die sehr stark darin sind, diese Detailebene im Blick zu behalten. In der Zusammenarbeit entsteht so die ideale Lösung für den Kunden.

Was würden Sie Berufseinsteigern mit auf den Weg geben?

Hören Sie nicht auf zu träumen. Bleiben Sie neugierig. Überlegen Sie sich immer, was Technik-Dokumentation noch sein könnte, wie sich Produktinformationen interessanter gestalten lassen, welche Themenfelder in der Technik-Redaktion neu erschlossen werden könnten.

Bei meinen Studierenden erlebe ich da ganz viel Neugier und Innovativität. Und ich habe die Befürchtung, dass die im Berufsalltag leider oft verloren geht. Dann geht es häufig nur noch darum, wie man Content möglichst schnell und kostengünstig erstellt, damit er die rechtlichen Anforderungen erfüllt. Ich denke, dass diese desillusionierte Haltung weder Redakteuren in den Firmen gut tut noch dem Berufsstand des Technik-Redakteurs.

Gibt es einen Tipp oder Trick, den Sie hier weitergeben können - gern auch zwei?

Wenn Sie an eine Sache glauben, dann sollten Sie sich nicht mit einem „Nein“ zufrieden geben. Meistens hilft es in so einem Fall, die Perspektive zu wechseln und die Sache von einer anderen Seite anzugehen. Oft ist es nicht die Sache selbst, die abgelehnt wird, sondern die Art, wie sie verargumentiert wird.

Oder lieber einen etwas konkreteren Tipp? Ein Gedankenstrich lässt sich in Word mit STRG + „-“ erzeugen und vor und nach dem Gedankenstrich steht ein Leerzeichen. Und auch in der Abkürzung „z. B.“ ist ein Leerzeichen. Ich bekomme so oft Texte zu lesen, in denen das falsch gemacht wird und das finde ich wirklich grauslich.

Wenn Sie noch einmal wählen könnten: würden Sie die gleiche Tätigkeit wieder wählen oder würden Sie etwas ändern wollen?

Na ja, solange man nicht tot ist, kann man ja immer wieder wählen. Und nachdem ich meinen Beruf immer noch mache, liegt die Antwort auf der Hand. Natürlich gibt es immer Dinge, die ich heute anders machen würde. Aber: Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, gehört der Weg dahin (mit allen Fehlern) dazu.

Im Ernst: Ich finde, wir Technik-Redakteure haben einen der interessantesten Berufe, den man nur haben kann. Und wir bekommen auch noch Geld dafür. Das darf man eigentlich gar niemandem verraten. Sonst kommt noch einer auf die Idee und verlangt Eintritt.

Hätten Sie noch einen Schlussgedanken?

Technik-Dokumentation soll Spaß machen: Den Benutzern und den RedakteurInnen. Leider konzentriert sich zur Zeit zu viel auf die Frage der Kosteneinsparung und Automatisierung in der Technik-Dokumentation. Ohne Zweifel sind das wichtige Themen. Aber wenn wir uns nicht neue Themenfelder erschließen, können wir als Berufsstand nicht wachsen. Mit mobilen Inhalten, Wissensmanagement und Technischem Marketing gibt es reichlich Richtungen, in die sich die Technik-Dokumentation entwickeln kann. Wir müssen es nur anpacken. Die Benutzer werden es uns mit Sicherheit danken.

Herr Professor Nickl, ich danke Ihnen für das Interview!

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