DIN EN 82079-1 – das Interview

Was hat die Überarbeitung gebracht?

Nach über zehn Jahren ist mit dem Erscheinen der DIN EN 82079-1 die Überarbeitung der „Mutter aller Normen zur Technik-Dokumentation“, der DIN EN 62079 “Erstellen von Anleitungen”, endlich vollbracht – was mit unterschiedlichen Kommentaren bedacht wurde.

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Die Überarbeitung hat stellenweise Lücken geschlossen: so gibt es endlich belastbare Aussagen zur Online-Thematik, und die Vorgaben zu Schriftgrößen wurden erweitert. Außerdem die Kapitel Sicherheitshinweise und Signalwörter, hier wurde sehr wohl eine Menge ergänzt.

Dafür fehlen manche Themen nahezu komplett, z.B. Vorgaben oder Empfehlungen zu Formaten und hilfreiche Inhalte wurden entfernt, z.B. die Checkliste der 62079 zum beispielhaften Inhalt einer Anleitung in Anhang D3.

Der Titel wurde in „Erstellen von Gebrauchsanleitungen“ geändert, was der alten Diskussion um die Bezeichnungen von Anleitungen nicht gerade dienlich ist. Geht es doch nicht nur um Gebrauchs-, sondern auch um Betriebs-, Montage-, Kurz- und textfreie Anleitungen, um nur die wichtigsten zu nennen.

Wir haben drei Experten zur Revision der Norm befragt. Dabei war uns wichtig, die Pluspunkte zu nennen, dabei aber die Minuspunkte nicht zu verschweigen. Uns hat es auch interessiert, wie Sie als Anwender der Norm in der Technik-Dokumentation konkret mit den Schwachstellen umgehen können, und ob und wie es möglich sein könnte, auf eine Verbesserung der Norm hinzuwirken. Doch lesen Sie selbst.

Befragt haben wir:

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Frau Elisabeth Wirthmüller, öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Technische Dokumentation von der ce konform GmbH (Haar bei München),

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Herrn Dieter Gust, Senior Consultant und Leiter Forschung und Entwicklung bei der itl AG (München) und

Thiele

Prof. Dr.-Ing. Ulrich Thiele von der Technischen Hochschule Mittelessen und Herausgeber der Praxislösung „Technische Dokumentationen professionell erstellen“ (Verlag WEKA Media).

Das Interview führte:

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Kornelius R. Böcher, Leiter Wissensmanagement bei der plentymarkets GmbH (Kassel) und ebenfalls Herausgeber der vorstehend genannten Praxislösung.

Frage 1

Die Revision dieser wichtigsten Norm zur Technik-Dokumentation hat etwa ein Jahrzehnt gedauert. Was sind die wichtigsten Punkte der Überarbeitung?

Thiele: Hier muss man streng unterscheiden in Punkte, die praxisrelevant sind und solche, die nur am Rande von Interesse sind, oder gar verwirrend. Wichtig erscheint mir im Sinne verbesserter Qualität von Anleitungen, dass festgelegt wurde, welche Qualifikation ein Technik-Redakteur haben sollte. Und dass nun Zielgruppenanalyse und Lektorat bindend sind. Dazu gehören auch Kleinigkeiten wie die bessere Darstellung der Pagina. Kontraproduktiv, ja, geradezu verwirrend erscheint mir die Abkehr vom längst eingeführten Begriff der Betriebsanleitung zum einschränkenden Begriff Gebrauchsanleitung. Genauso, wie ich beim Kapitel Produktgarantie zweifeln muss, ob die Autoren bzw. die Übersetzer wirklich Garantie meinen, oder doch eher Gewährleistung? Insgesamt erscheint mir der Nutzen der neuen Norm nicht unmittelbar der langen Reifezeit angemessen zu sein.

Gust: Die Forderung nach der Experten-Qualifikation der Autoren ist ein sehr wichtiger Punkt: Keine noch so gute Norm plus Checkliste kann automatisch eine gute und normgerechte Dokumentation erzeugen.

Die lange Dauer der Überarbeitung liegt auch an dem Procedere und die Einbindung „der ganzen Welt“. Einmal mehr wird deutlich, dass ein Text nicht quasi automatisch nach einfachen technischen Regeln festgehalten werden kann, besonders wenn er Sprachkulturen-übergreifend erzeugt wird. Selbst die deutsche Übersetzung war aus dem alles andere als „einfachen Weltenglisch“ sehr schwierig herzustellen. Der Einsatz eines Translation Memory Systems und der Verzicht auf die Überprüfung von 100%-Matches haben eine sehr fragwürdige deutsche Übersetzung entstehen lassen. Allerdings durfte der Text nicht einfach in ein „gutes, verständliches Deutsch“ lokalisiert werden. Normen sind wohl vergleichbar mit internationalen Verträgen. Der Erstellprozess der Normen ist dagegen nur mit einem Minimalbudget und großem ehrenamtlichen Einsatz verbunden.

Wirthmüller: Die für mich wichtigsten Neuerungen sind eher strategischer Art: Anforderungen an die Qualifikation von Technik-Redakteuren und an jene, welche Anleitungen prüfen, die Betonung der Qualitätssicherung, das wichtige Thema Barrierefreiheit, der Hinweis, dass nicht nur rechtliche Anforderungen, sondern auch Anforderungen aus den Produktnormen umgesetzt werden müssen. Alles wichtige Themen, die – in unserer ja immer noch sehr jungen Branche – endlich Eingang in die Köpfe der Technik-Redakteure finden müssen. Für die lange Entwicklungszeit der Norm sind die Ergebnisse insgesamt viel zu spärlich.

Frage 2

Was ist besser geworden gegenüber der 62079?

Wirthmüller: Die personensicherheitsbezogenen Signalwörter und insbesondere auch deren Bedeutung sind jetzt identisch mit ISO und ANSI – und daher weltweit einheitlich verwendbar. Das ist ein großer Fortschritt.

Gust: Die Norm insgesamt ist aber bewusst nicht vollständig bzw. detailliert vergleichbar an die ANSI Z535 mit der Gestaltung von Warnhinweisen und Sachschäden angepasst worden. Die Norm betont die Verantwortung der Redaktion, ein geeignetes Konzept auf Basis der Normen-Prinzipien zu finden, das ist gut so. Als Weltnorm, die auch noch einen „horizontalen“ Grundcharakter hat, sollte sie und wird sie hoffentlich die zahlreichen verstreuten Hinweise zu Anleitungen in anderen Normen überflüssig machen.

Thiele: Die genannten Forderungen nach Zielgruppenanalyse, Qualifizierung der Redakteure und Lektorat werden die Qualität der Anleitungen ganz sicher verbessern.

Gust: Da man Normen gerne als abzuarbeitende Checkliste missinterpretiert, ist die Betonung der Qualifikation und der Hinweis auf die Anwendung von firmeneigenen Stilrichtlinien wichtig und gut. Und man sollte nie vergessen: Normen definieren „Minimal-Forderungen“, die man als Anregung zu einem möglichst weitergehenden Firmenkonzept umsetzen sollte.

Frage 3

Gibt es wichtige Themen, die immer noch nicht ausreichend berücksichtigt sind?

Gust: Die Nennung von elektronischer Dokumentation und Empfehlungen zur Umsetzung wirken noch sehr zaghaft und unsystematisch. Der vermeintliche Ausweg durch Verweis auf die Ergonomieprinzipien der ISO 9241-Reihe zeigt zwar in die richtige Richtung, ist aber viel zu unkonkret: Aus den zahllosen Einzelnormen der Reihe ist die 9241-110 noch am ehesten geeignet, Ergonomieprinzipien für elektronische Dokumentation zu vermitteln. Die Norm ist jedoch auf einem Stand vor der Entwicklung der Multitouch-Geräte und nicht für text-, bild- oder videobezogene Informationen operationalisiert. Es ist noch eine Menge Normenarbeit nötig, um wirklich einfach anwendbare Prinzipien für Online-Hilfen und elektronische Multitouch-basierte Informationen zu bekommen. Dazu gehört auch den in der Norm 9241-11 eingeführten wichtigen Schlüsselbegriff  des „Nutzungskontexts“ auf den Nutzungsvorgang bei technischen Informationen überhaupt erst einmal zu konkretisieren: Was bedeutet es für die Art der Nutzung, wenn z. B. Informationen nach den Prinzipien Referenz (Informationen nachschlagen), Handlung (sich anweisen lassen) und Konzept (Wissensschemata ergänzen) klassifiziert werden? Was heißt das „Informationen nachschlagen“ und welche Nutzungsmerkmale erleichtern ein „überfliegendes Lesen“? Auf alle diesen Fragen bieten weder 82079 noch 9241 bisher eine befriedigende Antwort. Auch der kritisierte fehlende Verweis auf die Norm für Software-Dokumentation (ISO 26514) würde nicht helfen, da diese Norm nicht das Dokumentations-Medium sondern das Produkt Software thematisiert und außerdem massiv kritisiert wird, dass die bisherige Ausführung der Norm den Namen „Standard“ nicht verdient.

Wirthmüller: Mir fehlt beispielsweise ein sinnvolles Strukturierungskonzept für Sicherheitsinformationen in der gesamten Anleitung á la ANSI Z.535.6. 82079-1 unterscheidet lediglich zwischen Sicherheitshinweisen (was den „grouped safety messages“ der ANSI Z.525.6 entspricht) und Warnhinweisen (was den „embedded safety messages der ANSI Z.525.6 entspricht). Die Möglichkeiten der verweisenden und der anleitungstechnisch sehr wichtigen abschnittsbezogen Hinweise existieren in der neuen 82079-1 leider nicht. Wir werden uns die kommenden Jahre wohl weiter fragen lassen müssen, wieso wir eine „amerikanische Norm“ anwenden.

Frage 4

Die Bezeichnung „Anleitung“ im Titel der 62079 wurde in „Gebrauchsanleitung“ geändert und ist somit wieder nur mehr einengend verwendbar. Wieso dieser Rückschritt?

Thiele: Hier könnte sicherlich ein Mitglied des Normenausschusses besser Rede und Antwort stehen, als ich. Dem Vernehmen nach handelt es sich um einen Übersetzungsfehler, also ohne wirkliche Einengung. Falls das zutrifft, müsste entweder sofort eine korrigierte Fassung herausgegeben werden, oder die Hersteller von der normgerechten Verwendung des Begriffes entbunden werden. Ansonsten kann es tatsächlich passieren, dass Nutzer und Hersteller den Begriff wirklich einengend verstehen – dasselbe Debakel wie beim unseligen Begriff der Montageanleitung aus der Maschinenrichtlinie: inhaltlich kann die Montageanleitung genauso umfassend sein, wie die Betriebsanleitung. Wobei sich mir sogleich die Frage stellt, wie mit der Diskrepanz zwischen Maschinenrichtlinie (Betriebsanleitung) und Norm (Gebrauchsanleitung) in der Praxis umzugehen ist.

Gust: Ein uralter, unlösbarer und daher unsinniger Streitpunkt: Gebrauchsanleitung, Anleitung, Gebrauchsanweisung, Betriebsanleitung, Benutzerhandbuch usw. Die Norm muss hier einfach Synonyme zulassen.

Wirthmüller: Die englische Fassung ist ja aus einer deutschen Fassung entstanden. D. h. eine deutsche Fassung wurde ins Englische übersetzt und nach Fertigstellung der Norm wieder ins Deutsche. Ein Mitglied des Normenausschusses hat mir auf Nachfrage erklärt, dass der Begriff „Gebrauchsanleitung“ aus einer Mischung aus Unachtsamkeit beim Übersetzen, aber auch aufgrund erheblicher Einflussnahme z. B. des DIN Verbraucherrats und Japans entstanden ist. Der DIN Verbraucherrat hatte vornehmlich Anleitungen für Konsumerprodukte im Auge, auch Japan wollte die neue Norm wohl ausschließlich auf Anleitungen für Konsumerprodukte abstellen. Das Ergebnis verwundert also nicht wirklich. Wer weiß, wie Normenarbeit funktioniert, weiß auch, dass jene, die sich sehr vehement durchsetzen möchten, sich sehr oft auch tatsächlich durchsetzen.

Frage 5

Was gibt es sonst an Kritikpunkten bezüglich der Norm?

Gust: Die Deutschen wollten das Thema Gestaltung und Struktur der Norm selbst angehen, doch sollte die Norm diese Mal eben nur kosmetisch verändert werden, quasi ein „Wartungsupdate“. Das tut uns Redakteuren natürlich weh: Die Norm enthält immer noch fast alle Fehler, die man in Fachinformationen eigentlich tunlichst vermeidet. Uneinheitliche Schreibweisen und unlogische Gliederung, danebengegangene Gestaltung und und und…

(Zwischen)Frage: Können Sie weitere Punkte nennen, die Sie vermissen oder die nicht optimal in der Norm umgesetzt wurden?

Gust: Einige hilfreiche und sinnvolle Checklisten im Anhang der 62079, die separat kostenlos verteilt wurden, sind zwar auch in der revidierten Fassung enthalten, werden aber nicht zusätzlich kostenlos zur Verfügung gestellt. Die vielen Verweise auf andere Normen wurden nicht der Sinnhaftigkeit unterzogen, da wird zum Teil per Zirkelschluss verwiesen. Die Formulierungen aus der Maschinenrichtlinie Anhang 1.7.4 wurden nicht konsequent übernommen. Wieder einmal kämpfen die Praktiker damit, in welcher Richtlinie oder anderen Norm nicht doch noch ein Anleitungs-relevanter zusätzlicher Inhalt gefordert wird, der in der 82079 halt nicht auftaucht. Aber zur Verteidigung der Norm muss gesagt werden, dass die Norm selbst fordert, dass der jeweils notwendige Inhalt unternehmensspezifisch ermittelt werden muss. Die zum Teil aber unglücklich formulierten, detaillierten Aufzählungen in der Norm verleiten jedoch dazu, diese als vollständige Liste misszuverstehen.

(Zwischen)Frage: Welche Mängel sehen Sie hinsichtlich der Revision der Norm, Frau Wirthmüller?

Wirthmüller: Die neue Norm reißt viele wichtige Themen an, bleibt aber größtenteils an der Oberfläche und ist in wichtigen Punkten schwammig formuliert. Die strukturellen Mängel sind eklatant und machen es einem weniger gut ausgebildeten Technik-Redakeur fast unmöglich, diese Norm adäquat umzusetzen . Es wimmelt von Redundanzen.Die deutsche Übersetzung ist zum einen indiskutabel schlecht und zum anderen leider auch noch fehlerhaft – der interessierte Leser hält sich in Bezug auf das korrekte Verständnis dessen, was die Norm sagen will, besser an die englische Originalfassung. Ein großer Kritikpunkt sind für mich auch die beiden Checklisten. Sie sind so mangelhaft strukturiert, so mangelhaft übersetzt und so unvollständig, dass ich sie für meine Gutachten nicht einsetzen kann. Negativ fällt zudem auf, dass die beiden Checklisten nicht mehr frei verwendet und verbreitet werden dürfen – bei den Checklisten der 62079 war das noch möglich.

Irritierend ist, dass die Norm Anforderungen formuliert, die einen Technik-Redakteur nun wirklich nichts angehen: Die Anforderung, dass konstruktive Mängel nicht durch die Anleitung kompensiert werden dürfen (Tabelle B.1, Pkt. 8.1) – das kann und darf ein Technik-Redakteur nicht beurteilen. Das ist alleine Sache des Konstrukteurs.

Gust: Nun ja, das ist ein spannendes Thema: Wo ist die deutsche Übersetzung schlechter, als das englische Original? Die Antwort finden Sie in dem vereinbarten Übersetzungsprozess rein „Segement-(Satz-) orientiert“ nur Änderungen zur Vornorm zu übersetzen, ohne Terminologie-Kontrolle, ohne Gesamtlektorat. Dabei hätte man nur lesen müssen, was die Norm selbst dazu sagt: Die Norm fordert einen Styleguide für Terminologie und ein 4-Augen-Prinzip/bzw. Lektorat. Ohne diese Mittel besteht die Gefahr, dass eine Änderungsübersetzung, die sich nur auf einige Sätze bezieht, die Inkonsistenz des gesamten Textes eher fördert. Allerdings sei noch einmal gesagt: Wem nur die schlechte deutsche Übersetzung auffällt, der sollte unbedingt das „schlechte“ englische Original lesen.

(Zwischen)Frage: Bezüglich der internationalen Fassung: wie viel Freiheit sehen Sie da? Ist für deutsche Hersteller bzw. – um die neue Bezeichnung der 82079 zu verwenden, der Anbieter – nicht die DIN EN maßgebend?

Wirthmüller: Die Verwendung der personensicherheitsbezogenen Signalwörter bedeutet, dass ein Hersteller nun normkonform eingleisig fahren kann, was die Signalwörter und deren Bedeutung angeht. Und zumindest diesbezüglich nicht mehr zwei oder drei lokalisierte Fassungen seiner Anleitung erstellen muss, wenn er normkonform sein möchte. Der „Stand der Technik“ ist grundsätzlich international. Jede aktuelle Norm, die es gibt, formuliert den Stand der Technik mit. Deshalb verwenden wir ja z. B. intensivst ANSI Z535.6 für die Darstellung und Strukturierung von Sicherheitsinformationen in Anleitungen. Da hilft uns keine andere Norm dieser Welt weiter.

Welche Norm für einen Hersteller „maßgeblich“ ist, ist relativ. Und da Normen in der Anwendung ohnehin völlig freiwillig sind, umso mehr. Von „maßgeblich“ könnte man sprechen, wenn es innerhalb des EWR um Konformität auslösende Normen geht, deren Anwendung der Gesetzgeber mit gewissen Vorteilen ausgestattet hat. Aber außerhalb der EU ist dieser Gesichtspunkt ja auch nicht mehr relevant.

(Zwischen)Frage: Was ist mit den Fehlern? Müssen die entsprechenden  Vorgaben mit den Fehlern umgesetzt werden?

Wirthmüller: Normen sind keine Gesetze. Jeder hat die Freiheit, eine Norm ganz oder teilweise oder gar nicht anzuwenden, sofern er nicht vertraglich gebunden ist. Fehler umzusetzen wäre in keiner Weise zielführend.

Thiele: Hier sollte man noch kommentieren, dass zwar richtigerweise Normen keinen Gesetzescharakter haben, aber dass sie als Repräsentanten des aktuellen Standes von Wissenschaft und Technik dennoch befolgt werden müssen. Wer Normen nicht befolgt, handelt fahrlässig, was im Streitfall durchaus dazu führt, dass Normen eben doch nicht freiwillig umzusetzen sind. Insofern sollte sich der Technik-Redakteur sorgfältig durch entsprechende Argumentationspapiere in der Internen Technischen Dokumentation gegen etwaige Angriffe absichern, wenn er dem Wortlaut einer Norm nicht folgt.

Gust: Normen sind Informationen zu Minimalforderungen ohne direkten Charakter eines Gesetzes: Von Normen darf man auch mit geeigneten Begründungen abweichen. Überhaupt müssen Normen endlich mehr den Charakter eines „willkommenen Werkzeuges“ erhalten. Die buchstabengetreue Befolgung der Norm macht aus ihr eher ein nicht unbedingt sinnvolles Knebelinstrument: Wenn Experten zur Erstellung von Anleitungen gefordert werden, dann deshalb, weil die Norm eine mehrere Monate oder Jahre dauernde Ausbildung nicht durch ein paar Muss- und Soll-Informationen ersetzen kann.

Frage 6

Warum wird die Bezeichnung „Betriebsanleitung“ nicht mehr verwendet? Dagegen sind viele Abschnitte der Norm jedoch immer noch so formuliert und strukturiert, wie es für Betriebsanleitungen typisch ist.

Thiele: Da es sich ja offenbar um einen Terminologiefehler bei der Übersetzung handelt, kann es nicht verwundern, dass die Gebrauchsanleitung nach wie vor den gesamten Produktlebenszyklus abdecken soll, wie vordem die Betriebsanleitung.

Gust: Noch einmal: das Ganze lässt sich gerade nicht auf einen simplen Übersetzungsfehler reduzieren. Das englische Dokument benennt  „instructions for use“ und nicht „operation instruction(s)“. Einmal mehr wird deutlich, wir „wunderbar“ kompliziert Sprache sein kann und dass mit jeder Übersetzung die Komplexität steigt.

Wirthmüller: Weder die Bezeichnung „Betriebsanleitung“, noch die Bezeichnung „Gebrauchsanleitung“ gibt das wider, was die Norm enthält: Informationen zur Benutzerinformation. Denn eingeschlossen sind nicht nur alle Arten von Anleitungen und Medien, sondern auch Informationen auf Verpackung und Produkt.

Frage 7

Die Norm macht eine wichtige Aussage zum Finden von Informationen in Anleitungen: Die Anwendungen elektronischer Medien müssen die Vorteile der dynamischen Navigation und Darstellungsmittel nutzen, um schnelles Auffinden, Verständlichkeit und ggf. das Ausdrucken der notwendigen Informationen zu erleichtern.

Das wichtige Thema „Navigation“, das z.B. in Webseiten elementar ist, erscheint in der Norm etwas unterbelichtet und nicht einmal unter eigener Überschrift. Dabei ist es auch für Printdokumentationen wichtig. Wie ist das zu erklären? Das schnelle Finden von Inhalten ist doch in Dokumentationen eines der Top-Themen und entscheidet über Wohl und Wehe.

Gust: Hier kann ich alles wiederholen, was ich zur Frage 3 geantwortet habe und ergänzen: Während „Verständlichkeit“ ein weitgehend durchforschter Begriff ist, gilt das für Nutzungsfreundlichkeit, Usability oder User Experience mit Blick auf gedruckte  oder elektronische Informationen gerade nicht. Hier hat man zu lange gemeint, dass Dokumentation einfach gelesen wird und „Lesen“ ja ebenfalls Thema vieler wissenschaftlicher Untersuchungen war. Dass aber die Thematik „Informationen nachschlagen“, und „überfliegendes Lesen“ mit Blick auf Technik-Dokumentation sogar reif ist für Doktorarbeiten, das muss offenbar erst noch entdeckt werden. Und dass Steve Jobs mit der Verkündung des iPhones und den Multitouch-Funktionen  eine regelrechte „Nutzungsrevolution“ geschaffen hat, das fängt man 2013 gerade erst an zu „spüren“. Steve Jobs hat das Gutenbergzeitalter für die Technik-Dokumentation beendet, aber nicht nur Rechtsanwälte wollen das noch nicht ganz glauben.

Wirthmüller: Auch ich kann mich nur wiederholen: Auch in diesem wichtigen Punkt ist die Norm oberflächlich und – leider auch selbst – so unstrukturiert, dass man die zugehörigen Informationen nicht zielführend ansteuern kann.

Frage 8

Der bestimmungsgemäße Gebrauch ist ein grundlegendes und wichtiges Kapitel in einer Anleitung. In der Norm ist dieses Thema nicht einmal in einer Überschrift zu finden. Aussagen zum bestimmungsgemäßen Gebrauch und zum vorhersehbaren Fehlgebrauch findet man nach einiger Suche in den Kapiteln „4.1.2 Gebrauchsanleitung ist Teil des Produktes“ und „4.3 Minimierung von Risiken“. Wie kann das sein?

Gust: Man könnte so argumentieren: Das Thema ist halt auch nur ein Spiegelstrich in der Liste des notwendigen Umfangs. Es ist daher zwar sehr wichtig, im Sinne der Gesamtkonzeption einer Anleitung jedoch nur ein kleiner Mosaikstein. Insgesamt ist die Gliederung der Norm jedoch dringend überarbeitungsbedürftig.

Wirthmüller: Die Informationen zu diesem – für Hersteller und Anwender gleichermaßen äußerst wichtigen – Abschnitt einer Anleitung sind zwar vorhanden, verteilen sich aber unsystematisch über die gesamte Norm. Die Norm folgt hier – wie generell – ihren eigenen Vorgaben nicht. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass diese Norm von Fachleuten entwickelt sein soll. Zumindest konnten sich die „echten“ Fachleute im deutschen bzw. in den beteiligten anderen Normenausschüssen offensichtlich nicht durchsetzten.

Frage 9

Warum ist die Norm auf Europaebene nicht harmonisiert?

Gust: In diesem Zusammenhang tut sich ein größerer „Fragenreigen auf“: Warum taucht ISO auf der deutschen Norm nicht auf, nur IEC, wohl aber in der englisch/französischen Variante?  Warum gibt es die Norm als DKE-Norm, obwohl wir doch bei einem deutschen Standard immer von DIN sprechen? Hier staunt der Pragmatiker und spürt, dass es überall „sehr menschelt“. Offenbar ist statt harmonischer Arbeitsteilung zwischen den Normungsgremien eher ein Wettbewerb entstanden.

Wirthmüller: Da muss ich schlicht sagen: Ich weiß es nicht. EN 62079 war ja wenigstens noch im nicht harmonisierten Normenverzeichnis zum alten Geräte- und Produktsicherheitsgesetz gelistet. Im neuen Verzeichnis nach Produktsicherheitsgesetz fehlt EN 82079‑1. Das ist sehr bedauerlich. Es geht also definitiv in die falsche Richtung. Die Konformität auslösende Produktnorm EN ISO 12100 holt EN 82079-1 zwar per Verweis indirekt in den Konformität auslösenden Bereich herein. Aber erst wenn EN 82079-1 direkt und für alle Produkte im harmonisierten Bereich Konformität auslöst, wird dem Thema Anleitung die Aufmerksamkeit zuteil, die ihm gebührt.

Frage 10

Wie können die Mängel beseitigt werden? Welche Möglichkeiten gibt es, an der Gestaltung der Norm aktiv mitzuwirken und für wen?

Wirthmüller:  Da sprechen Sie ein problematisches Thema an. Grundsätzlich kann in einem Normenausschuss jeder mitwirken, der sich darum bewirbt und vom Ausschuss akzeptiert wird. An der Gestaltung einer Norm aktiv mitzuwirken kostet jedoch viel Zeit, Geld und Nerven. Wenn das Ergebnis dann wenigstens halbwegs zufriedenstellen ist, kann man diesen Idealismus gerade noch zeitigen. Ich habe mich ausgiebig mit Kollegen unterhalten, die an der EN 82079-1 mitgearbeitet haben. Sie sind mit dem Ergebnis mehr als unzufrieden. Ich habe große Frustration erlebt. Andererseits wird sich nur durch Meckern auch nichts ändern. Schwierig!

Aber man muss ja nicht unbedingt gleich Mitglied im Normenausschuss werden. Jedermann hat die Möglichkeit, so viele Verbesserungsvorschläge beim „Normenausschuss Technische Grundlagen (NATG) im DIN einzureichen, wie er möchte. Der Ausschuss berät alle Eingaben und befindet dann darüber, ob bzw. in wie weit die Vorschläge in der nächsten Version realisiert werden. Der zuständige Normenausschuss steht übrigens immer gleich auf der ersten Seite einer Norm.

Thiele: Als langjähriger Vorsitzender des Richtlinienausschusses für die VDI 4500 kann ich mich natürlich glücklich schätzen, dass diese Richtlinie vollständig frei von politischer Einflussnahme ist. Das ist bei der 82079-1 gänzlich anders gewesen, da hier ja Nationen betroffen sind, bei denen der Wortlaut dieser Norm unmittelbare wirtschaftliche Konsequenzen für den Vertrieb in der EU hat. Aktiv mitwirken heißt also, einen hohen Frustlevel mitzubringen, und zudem noch die Eintrittskarte in den Normenausschuss im wahrsten Sinne des Wortes zu bezahlen, um mitarbeiten zu dürfen. Zudem – wie oben schon gesagt – geht es hier um kämpferisches Durchsetzen, was nicht jedermanns Sache ist. Wer stattdessen den Weg der formalen Verbesserungsvorschläge gegangen ist – was ich ebenfalls getan habe – stellt fest, dass diese Vorschläge, auch wenn sie sachlich sehr fundiert sind, entweder politisch weggebügelt werden oder einfach ohne weiteres Feedback verloren gehen. Für die Anonymität einer großen Normenorganisation muss man schon die rechten Nerven haben – oder doch lieber in lokalen Gremien mitarbeiten.

Frage 11

Die EN 82079-1 macht keine Aussage zum Thema Zulieferdokumentation.

Wirthmüller: Damit wird sich der zweite Teil der Norm, die EN 82079-2 detailliert beschäftigen. Wie gut dieser zweite Teil der EN 82079 sein wird und wann wir ihn in Händen haben werden, bleibt abzuwarten. Das Thema ist wichtig genug, dass man ihm einen vollständigen eigenen Teil widmet. Derzeit haben wir zum Thema Zulieferdokumentation konkret lediglich zwei eigenständige Werke: Da wäre der DIN-Fachbericht 146. In seiner „Tabelle 1 – Textintegration / Verweise“ liefert er durchaus vernünftige und insgesamt praktikable Ansätze für den Anlagenbau. Allerdings ist er in die Jahre gekommenen und zudem ein rein deutsches Werk, das meiner Erfahrung nach nicht einmal die meisten deutschen Hersteller/Redakteure kennen. Und dann gibt es noch den relativ neuen „tekom Leitfaden Lieferantendokumentation“. Er erläutert ausführlich den notwendigen unternehmensinternen Beschaffungsprozess für Zulieferdokumentation. Wie man die so beschaffte Zulieferdokumentation jedoch in die eigene Anleitung integriert – diesem Thema widmet der Leitfaden von insgesamt 50 Seiten nur ganze vier Seiten. Und auch dieses Werk hat nicht einmal den Status einer Norm. Es fehlt also in der Tat eine anerkannte Norm auf europäischer/internationaler Ebene, die praxisgerechte Ansätze zur Art und Weise der Integration von Zulieferdokumentation liefert.

Thiele: Es gibt eine ganze Reihe von Regelwerken, die diesen Bereich ausgiebig abdecken, da muss eine DIN EN 82079 nicht unnötigerweise ergänzen. Ich denke auch nicht, dass eine DIN EN 82079-2 weniger wachsweich formulieren wird, als der derzeitige Teil 1. Die in der Technik-Dokumentation selber verpönten Modalverben werden ja in der Norm geradezu inflationär genutzt, da wimmelt es vor können, sollten .., ohne konkrete Vorgaben zu machen. Und bei der Lieferantendokumentation muss durchaus streng formuliert werden, damit die Hersteller ihre Pflichten in dieser Beziehung auch ernst nehmen – was sie übrigens trotz längst vorhandener Regelwerke nach wie vor nicht mehrheitlich tun.

Gust: Das Thema Zulieferdokumentation ist auch alles andere, als einfach mit einigen Regeln abzudecken. Greifen wir nur einmal die Regel auf, dass eine Zulieferdokumentation in die Anlagendokumentation zu integrieren ist. Soweit durch den Einbau einer Komponente neue Restrisiken entstehen, ist der Integrationsaspekt offensichtlich und auch in der Anleitung umzusetzen. Aber die simple Forderung, von den Zulieferern die Anleitungen in allen Sprachen elektronisch zur fordern und diese dann vollkommen technisch und sprachlich in die Dokumentation des Anlagenbauers zu integrieren, würde zum sofortigen Stillstand der Wirtschaft führen. Da glaube ich, wissen manche nicht wirklich, was sie fordern!

Thiele: Ja, letzteres ist natürlich richtig, Herr Gust, und auch der Grund dafür, dass die ehemalige Norm zum Fachbericht 146 heruntergestuft wurde, da die (eigentlich vernünftigen) Forderungen daraus die Hersteller sehr belastet haben. Hier muss man auch die Hersteller verstehen.

Frage 12

Trotz der genannten Mängel und Kritikpunkte: wie ist Ihre Einschätzung zur Bedeutung der DIN EN 82079-1 für den Stand der Technik im Kontext des gesamten einschlägigen Regelwerks?

Thiele: In einigen Punkten ist die 82079 abweichend von anderen Regelwerken, die den Stand der Technik repräsentieren. Aber nach wie vor ist es die Mutter aller Dokumentations-Regelwerke, insofern wird sie weiter die Qualität von Technik-Dokumentation bestimmen.

Gust: Es gibt kein: Lasst uns was anderes machen. Trotz aller Kritik bietet die Norm gute Ansätze, Dokumentation als Produktbestandteil endlich ernster zu nehmen. Doch nicht die Norm im Regal eines Produktherstellers wird das erreichen, sondern erst die Anwendung der in der Norm genannten Prinzipien: „Produktbestandteil“ heißt, dass Dokumentation klar in den Produktentwicklungsprozess integriert werden muss, von der ersten Produktidee bis zur Revision der Anleitung nach der Produktinstallation: Mit Meilensteinen, QS-Zyklen und Kosten. Wenn eine sicherheitsrelevante Information nicht für den Kunden sichtbar bepreist werden kann, so künftig sehr wohl doch eine komplette Papierdokumentation als kostenpflichtige „Sonderausstattung“. Dann wird Dokumentation wirklich etwas wert sein.

Wirthmüller: Ich sehe den Wert dieser Norm primär darin, das Bewusstsein dafür zu fördern, Anleitungen endlich als Teil des Produkts und damit – und das ist sehr wichtig – als Teil des Sicherheitskonzepts eines Produkts zu begreifen. Hier sind insbesondere auch Konstrukteure angesprochen, die diesen wichtigen Zusammenhang erst noch begreifen lernen müssen. Allein die Information, dass nicht nur für die „Hardware“ sondern auch für Anleitungen ein „Stand der Technik“ existiert, kann im Dialog mit Herstellern und Kunden Wunder wirken. Das Produktsicherheitsrecht fordert diesen Stand der Technik explizit ein. Das Produkthaftungsrecht geht sogar noch einen Schritt weiter und fordert den „Stand der Wissenschaft und Technik“ ein. EN 82079-1 repräsentiert diesen Stand der Technik – und in Ansätzen auch den Stand der Wissenschaft und Technik – sicherlich in hohem Maße mit.

Frage 13

Technik-Redakteure können aber in jedem Fall mit einem sorgfältigen Studium der Norm für Ihre tägliche Arbeit profitieren, oder?

Wirthmüller: Angesichts der immer noch äußerst inhomogenen Qualifikation von Technik-Redakteuren muss man hier differenzieren: Die Einhaltung dieser Norm alleine wird aus einem Laien keinen Technik-Redakteur machen. Ein Quereinsteiger ohne ausreichende einschlägige Qualifizierung wird in jedem Falle von dieser Norm profitieren. Ein Hochschulabsolvent eher nicht. Er hat das und mehr in seinem Studium gelernt.

Thiele: Ja, das ist richtig, man profitiert, zumal das Werk ja so umfassend ist, dass der Technik-Redakteur ganz konkrete Leitsätze findet. Wer allerdings bislang mit der 62079 gearbeitet hat, wird sich nur in Details umgewöhnen müssen.

Gust: Die Norm ist kein Studienwerk, dafür gibt es Ausbildungen und Seminare. Die Norm, zu Recht verstanden als Minimalanforderung an Anleitungen, ist gut geeignet, sich immer wieder daran zu erinnern, dass Technik-Dokumentation genau so komplex ist, wie die Produktentwicklung selbst. Da muss man dann auch mit Hilfe der Norm immer wieder mal nachschauen, ob im Tagesgeschäft die Dokumentationserstellung nicht doch als ärgerliches Übel ins Abseits abzugleiten droht. Dazu muss jedoch endlich auch das unsinnige Verbot der firmeninternen Normverbreitung aufgehoben werden! Die Regelungen zur Vervielfältigung für Normen, die völlig überholte Ausrichtung überwiegend auf gedrucktes Papier in einem eher nutzungsunfreundlichen Layout muss schleunigst überdacht werden.

Thiele: Da stimme ich Ihnen zu! Gerade eine Norm für die Technik-Dokumentation hat die Pflicht, diese auch nach den Regeln für gute Lesbarkeit zu gestalten!

Fazit

Frau Wirthmüller, Herr Prof. Thiele, Herr Gust, ich möchte mich bei Ihnen für das sehr interessante Gespräch bedanken. Wir haben einen kleinen Einblick in die Entwicklung und die damit verbundenen Probleme dieser für uns sehr wichtigen Norm erhalten. Wir alle haben ein Interesse an der weiteren, möglichst positiven Entwicklung dieser Norm, weil uns allen klar ist, dass dies für unsere tägliche Arbeit elementar ist. Denn nur klare und sinnvolle Vorgaben können zu Ergebnissen führen, die alle Beteiligten zufriedenstellen. In diesem Sinne wäre mein Wunsch, dass wir gemeinsam weiter in dieser Richtung denken und arbeiten und diesbezüglich weiter im Gespräch bleiben.

 

 


Autor: Kornelius R. Böcher

Dienstleistungen, Wissenswertes und Expertenbeiträge: Themen rund um die Technik-Dokumentation.