Analphabetismus

Analphabetismus – diesmal durch die Hintertür?

Dieser Artikel zeigt Ursachen und Auswirkungen des funktionalen Analphabetismus auf, damit Technische Redakteure verstehen, warum sie in der Zielgruppenanalyse durchaus diese Bevölkerungsgruppe berücksichtigen müssen.

Autor: Prof. Dr.-Ing. Ulrich Thiele

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Analphabetismus in Deutschland? Niemals!

Stellen Sie sich vor, Ihre Tochter oder Ihr Sohn sind auf dem Gymnasium, aber Ihr Verdacht bestätigt sich mehr und mehr, dass es Schwierigkeiten mit dem Lesen gibt. Auch stellen Sie fest, dass Ihre Kinder nicht gerne lesen, keine Bücher mit nach Hause bringen, kein Interesse an der Stadtbibliothek zeigen. Dass es auch Schwierigkeiten mit der Handschrift gibt, stellt sich erst später heraus. Analphabetismus, bei uns? Im High-Tech-Deutschland?

1Stuttmann

Analphabetismus droht durch neue Grundschulmethode

Seit vor rund hundert Jahren der Analphabetismus als in Deutschland ausgerottet proklamiert wurde, ruhten sich die Schulen auf der Tatsache allgemeiner Schulpflicht aus. Seit gut 15 Jahren allerdings praktizieren alle deutschen Bundesländer die so genannte LdS-Methode – Lesen durch Schreiben (nicht alle Grundschulen haben sich allerdings bislang angeschlossen, das geschieht jedoch mit schneller Wachstumsrate). Die Kinder werden angeleitet, so zu schreiben, wie sie es nach ihrem Gehör für richtig halten. Schreibregeln und richtige Schreibweisen werden erst ab dem 3. Schuljahr eingeführt. Anlauttabellen mit Bildern und zugeordneten Buchstabenzeichen helfen den Kindern bei der LdS-Methode.

Anlauttabelle

So kann aus der Anlauttabelle das „Sch“ unter dem Schaf-Piktogramm folgerichtig für das Wort „Schpielen“ angewendet werden (bei diesem Beispiel haben wir die Folgebuchstaben nach dem Sch korrekt geschrieben, da das Wort ansonsten gänzlich unverständlich für unsere Leser geblieben wäre, wie das typische Zitat zeigt: „Varrat varn machd schbas!“). Eltern werden von den Schulen aufgefordert, die Kreativität ihrer Kinder keinesfalls durch Rechtschreibkorrekturen zu unterdrücken.

Längst gilt die LdS-Methode als eine Katastrophe für die nachfolgenden Ausbildungsphasen. In verschiedenen Studien wurde nachgewiesen, dass die Methode die Lese- und Schreibkompetenz signifikant und dauerhaft reduziert.

Inzwischen hat die Welle der fehlerhaften Rechtschreibung die Abiturklassen erreicht, fehlerarme Abschlussarbeiten sind kaum noch zu finden. Abschlussarbeiten von Lehramtsstudierenden zeigen bereits dieselben Mängel, zum Teil sogar in verstärkter Form.

Analphabetismus in Zahlen

Aber was hat das mit Analphabetismus zu tun? Vielleicht nichts, aber Menschen, die von ihrer Struktur her auf Regeln angewiesen sind – und das sind letztlich die meisten – gleiten schnell dahin ab, dass sie nach Absolvieren dieser Schulbildung dauerhaft ernsthafte Schwierigkeiten haben werden, ganze Sätze lesend zu verstehen und zudem einzelne Wörter Buchstabe für Buchstabe zusammensetzen müssen. Nun betrifft dieses Phänomen des Analphabetismus, bei dem nur einzelne Wörter lesend verstanden werden können in Deutschland „nur“ etwa 4,5% der erwerbsfähigen Bevölkerung gemäß der neuesten vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. herausgegebenen leo.-Studie (Level-One Studie zum Funktionalen Analphabetismus in Deutschland). Aber beachten Sie: immerhin entspricht dieser Prozentsatz 2,3 Mio. erwachsenen Analphabeten, bei denen nicht davon auszugehen ist, dass sie im Erwerbsleben Betriebsanweisungen und Warnhinweise verstehen!

14% funktionale Analphabeten in Deutschland

Kritischer ist aber das Phänomen des funktionalen Analphabetismus, unter dem inzwischen 14% der erwerbsfähigen Bevölkerung leiden. Immerhin können 7,5 Mio. Mitbürger zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, häufig jedoch nicht den Sinn verstehen. „Funktionaler Analphabetismus ist gegeben, …. wenn eine Person nicht in der Lage ist, aus einem einfachen Text eine oder mehrere direkt enthaltene Informationen sinnerfassend zu lesen …“ .Bei Schülern liegt der Prozentsatz deutlich höher: „Knapp ein Viertel der 15jährigen Schüler/innen in Deutschland kann nur mit Mühe lesen oder versteht Texte nur auf einem elementaren Niveau“ (Sven Nickel, Funktionaler Analphabetismus, 2002 (!)). Gemäß der oben genannten Studie sind diese Personen „aufgrund ihrer begrenzten schriftsprachlichen Kompetenzen nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben. So misslingt etwa auch bei einfachen Beschäftigungen das Lesen schriftlicher Arbeitsanweisungen.“

Das bedeutet in der Praxis, dass rund jeder 6. die Straßenverkehrsordnung nicht verstehen kann, die Anleitung für seinen PKW nicht begreift und die Sicherheitsunterweisungen im Flugzeug ungelesen beiseite legen wird.

3Musik

Schwache Lesekompetenz bei weiteren 25% der Bundesbürger

Nur der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass weitere 25% der erwerbsfähigen Deutschen auch gebräuchliche Wörter nur langsam und/oder fehlerhaft lesen und schreiben kann. „Typische Betroffene vermieden das Lesen und Schreiben häufig“ vermeldet die oben genannte leo.-Studie. Zusammengefasst ist die Schreib- und Lesekompetenz bei vierzig Prozent der Bevölkerung unzureichend.

4LeoStudie

Ursachen

Seit mehr als einem Jahrzehnt setzen sich Pädagogen und Wissenschaftler mit dem Phänomen des funktionalen Analphabetismus auseinander. Über die Ursachen kann sich die Fachwelt nicht einigen. Dabei gibt es genügend Vermutungen, woher die hohe Zahl der funktionalen Analphabeten denn kommt – dass sie so hoch ist, ist in allen Fachkreisen jedoch unbestritten.

  • Merkmal der Generation Y (Jahrgänge ab 1980) und Generation Touch und Wisch (Jahrgänge ab 1995): Die linke Gehirnhälfte, die für logisches Denken, Abstraktes, Analytisches, Schrift und zeitliches Nacheinander zuständig ist, verkümmert zusehends. Stattdessen wird die rechte Gehirnhälfte gestärkt, die sich um Formen, Bilder, Gestaltung, Intuition, und gefühlsmäßiges Denken kümmert.
  • Migrationshintergrund, Erstsprache
  • Bildungsniveau
  • Geschlecht
  • Haushaltsgröße
  • Beruflicher Status
  • Alter
  • West-/Ostgefälle
  • ….

Multifaktorielle Ursachen für den funktionalen Analphabetismus

Wertet man die leo.-Studie und andere Literaturstellen zum Thema funktionaler Analphabetismus weiter aus, so lässt sich lediglich feststellen, dass keine der verschiedenen möglichen Ursachen im Rahmen einer statistischen Belastbarkeit alleine verantwortlich gemacht werden kann. Zwar sind Männer zu 60% vom funktionalen Analphabetismus betroffen, aber Bildungsniveau, Schulabschluss und Erstsprache spielen jeweils bedeutendere Rollen. Andererseits verfügt ein erstaunlich hoher Prozentsatz der funktionalen Analphabeten über einen gehobenen Bildungsstand. Interessant ist auch, dass das Alter nicht die Hauptursache ist: nahezu konstant ist die Verteilung von funktionalem Analphabetismus über alle Altersgruppen.

Letztlich ist auch die mangelhafte Schreib- und Lesekompetenz, die aus den jüngsten Schulreformen resultiert, nicht die herausragende Ursache, da die LdS-Methode zu jung ist, um den funktionalen Analphabetismus der Erwerbstätigen jenseits der 30 zu erklären. Im Umkehrschluss jedoch können wir sicherlich davon ausgehen, dass in einigen Jahren sukzessive der Anteil an Analphabeten von den jüngeren Generationen ausgehend auf die älteren steigen wird.

Was wird unternommen?

Da die Ursachen nicht eindeutig bestimmt werden können, ist es für die Verantwortlichen überaus schwierig, gezielte Maßnahmen zu ergreifen. Grundsätzlich aber kann man sagen, dass äußerst wenig gegen den funktionalen Analphabetismus unternommen wird, nicht einmal die Schulbildung wird auf Verbesserungspotential hin optimiert. Die LdS-Methode scheint nicht zurückgenommen zu werden, und in der Gesellschaft gibt es keine Bestrebungen, die Jugendlichen von Beschäftigungen, die die Lese- und Schreibkompetenzen verkümmern lassen, fernzuhalten. Auch arbeitet die Gesellschaft nicht an einer Schulbildung, die die Konzentrationsfähigkeit der Schüler und ein Interesse an Bildung fördert. „Bildung, das ist eben mehr, als nur ein Absitzen von Unterrichtsstunden. Das ist mehr, als bulimisch Bücher auswendig zu lernen, den Inhalt zum gegebenen Zeitpunkt auszuspucken und dafür ein Zertifikat zu erhalten.“ (Katrin Rönicke, „Der Leistungsfetisch“, FAZ, 2014)

Symptome werden bekämpft, nicht Ursachen

Stattdessen wird auf den Gymnasien versucht, durch Kürzung literarischer Originaltexte, sprachliche Vereinfachung der Literaturklassiker und Auswechseln des literarischen Wortschatzes nebst Vereinfachung komplexer Satzkonstruktionen die gymnasialtypische Standardliteratur auf die noch vorhandenen Lesekompetenzen der Schüler herunter zu brechen. Der Cornelsen-Schulbuchverlag hat inzwischen ein ganzes Spektrum vereinfachter Klassiker für die aktuelle Lesefähigkeit auf Gymnasien herausgegeben, das reicht von Goethe über Schiller bis Storm. Im Schimmelreiter heißt es beispielsweise: „Die tote Katze musste ihm doch im Kopfe Wirrsal machen“. Nun wird als Schimmelreiter verkauft: „Die tote Katze musste ihn doch beunruhigen“. Allerdings sollte man hier als Technischer Redakteur einlenken, dass diese Umschreibung ganz den Regeln für professionelles Deutsch in der Technischen Dokumentation folgt: Kurze einfach strukturierte Sätze, zielgruppenbezogene Wortwahl. Nur kannten wir diese Vorgehensweise noch nicht bei Literaturklassikern.

Geringe Nachfrage nach Bildungsmaßnahmen

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert zudem Projekte, die Konzepte und Maßnahmen zur arbeitsplatzorientierten Alphabetisierung zur Aufgabe haben. Allerdings ist die Nachfrage äußerst dürftig und steht in keinem Verhältnis zur Anzahl derer, die dringend derartige Bildungsmaßnahmen benötigen. Dazu gibt es Fortbildungsangebote für Trainerinnen und Trainer sowie Dozentinnen und Dozenten in Bildungsmaßnahmen.

Entwicklung mittelfristig

Aufgrund der derzeit (2014) nur halbherzigen Schritte von Politik und Gesellschaft zur Abhilfe ist davon auszugehen, dass der Anteil der Bevölkerung, der nur noch unvollkommen lesen und schreiben kann, stetig wachsen wird.

Maßnahmen für die Technische Dokumentation

Der Anteil der funktionalen Analphabeten in der deutschen Bevölkerung hat ein Niveau erreicht, dass nicht mehr zu übersehen ist (Sven Nickel: „Der Anteil der schwachen und extrem schwachen Leser/innen ist … für Industriestaaten ungewöhnlich hoch.“). Da die Ursache (noch) nicht an der gesellschaftlichen Wurzel angepackt wird, müssen die besonders betroffenen Institutionen versuchen, die Symptome zu behandeln.

Eine dem Autor bekannte Hochschule beispielsweise hat für die Erstsemester einen obligatorischen Schreibkurs eingerichtet, in dem das Schreiben per Hand aufgefrischt und intensiv geübt wird. Die Hochschulen sind zu derartigen Maßnahmen gezwungen, um sicherzustellen, dass die Studierenden in der Lage sind, Vorlesungsskripte handschriftlich zu kommentieren und bei Veranstaltungen mitzuschreiben.

Für die Technische Dokumentation – und das gilt insbesondere Betriebsanleitungen im Consumer- und Investitionsgüterbereich – kommen insbesondere 4 Maßnahmen in Frage:

1.    Individuelle Einweisung und Schulung

2.    Textarme oder textfreie Gestaltung

3.    Multimediale Umsetzung von Instruktionen

4.    Verwenden der so genannten „Leichten Sprache“

Textarme Anleitungen

[Verweis Kornelius R. Böcher, Textfreie Dokumentationen]

Textfreie oder -arme Anleitungen wären für funktionale Analphabeten ein guter Kompromiss. Allerdings wird auch dabei nicht jeder dieser Zielgruppe erreichbar sein, wenn nach wie vor Texte für bestimmte Handlungsschritte oder Beschreibungen unentbehrlich sind.

Grundsätzlich spricht Vieles dafür, textarme oder textfreie Betriebsanleitungen zu erstellen: vor allem reduzieren sich die Übersetzungskosten drastisch. Andererseits wird der Erstellungsaufwand für die Illustrationen zu Handlungsanweisungen zum Teil deutlich höher und verteuert die Anleitung.

Auch sind für Piktogramme und Symbole Methoden zu finden, diese textfrei zu erläutern.

Grundsätzlich zeigt aber die Erfahrung, dass textarme Anleitungen für einfache Produkte durchaus machbar sind. Einzig das Thema der normgerechten Warn- und Sicherheitshinweise nach SAFE-Methode oder ANSI Z535.n ist nicht lösbar [Verweis auf Pichler, Aufgabenbezogene Warnhinweise platzieren, formulieren und gestalten]. Belässt man also die Hinweise in normgerechter Schriftform, so wird der funktionale Analphabet diese Teile in der Regel überspringen, da jedes Lesen ihn zu sehr fordert und ihn Zeit kostet. Im schlimmsten Falle drohen unvermittelt Lebensgefahr und Sachschäden.

Gänzlich versagt aber die Methode der textarmen Anleitung bei komplexeren Produkten, deren Baugruppen hinsichtlich ihrer Funktion zu beschreiben sind. Selbst die eigentlich sehr durchdachten IKEA-Anleitungen übersteigen allzuoft das Abstraktionsvermögen der Hobby-Monteure – Bilder alleine reichen offensichtlich dann doch nicht aus.

Fazit:

Textfreie Anleitungen sind seit vielen Jahren ein Diskussionsthema hinsichtlich der Machbarkeit. Die Tatsache von einer nicht zu vernachlässigenden Anzahl von Analphabeten kann den Druck auf die Hersteller erhöhen, sich verstärkt dieser Darstellungsmethode zu widmen. Derzeit allerdings sind die allerwenigsten Anleitungen textarm oder textfrei. Vor allem im Investitionsgüterbereich gibt es kaum derartige Anleitungen.

Selbst bei textarmen Anleitungen ist ein Mindestmaß an Lesekompetenz vorausgesetzt.

Multimediale Anleitungen

Multimediale Anleitungen wären ideal für funktionale Analphabeten, solange auf Texteinblendungen verzichtet werden kann.

Multimediale Anleitungen oder Instruktionsfilme scheitern aber in der Regel an einem oder mehreren der folgenden Faktoren:

1.    Mangelndes Wissen über die didaktische Aufbereitung

2.    Hoher Aufwand für das Erstellen

3.    Änderungsresistentes Medium

4.    Einschlägige Vorbehalte des Gesetzgebers gegenüber nichtgedruckten Anleitungen

5.    Keine standardisierten Vorgaben für Warn- und Sicherheitshinweise

6.    Nichtverfügbarkeit entsprechender Abspielgeräte am Arbeitsplatz des Anwenders

7.    Akustische Störungen am Arbeitsplatz verhindern das Verstehen von gesprochenen Texten. Gleiches gilt umgekehrt: Instruktionsfilme oder multimediale Anleitungen können das Umfeld stören.

Einige dieser Faktoren werden sich mit im Rahmen des veränderlichen Zeitgeistes mehr oder weniger automatisch lösen: zum Beispiel können wir bald davon ausgehen, dass nahezu jeder Anwender über einen Tablet-PC oder ein Smartphone für die Wiedergabe multimedialer Anleitungen oder Instruktionsfilme verfügt.

Es bleiben aber zunächst die Faktoren 1. bis 4. aus der oben genannten Liste, wohingegen für den Faktor 5. derzeit verschiedene Ansätze diskutiert werden.

In der Praxis werden heute multimediale Anleitungen oder Instruktionsfilme nur selten produziert – zugegebenermaßen aber mit steigender Tendenz, wie man an den vielen Produktvideos auf der Plattform youtube sieht. Die meisten dieser Videos allerdings werden nicht von den Herstellern geliefert, sondern von Anwendern; die Haftungsfragen in Bezug auf fehlende Warn- und Sicherheitshinweise und auf die sachliche Richtigkeit und Aktualität sind hier gänzlich ungeklärt.

Fazit:

Aus Kostengründen und wegen mangelnder Medienkompetenz werden derzeit nur wenige (Konsum-)Güter über multimediale Anleitungen erläutert. Aus verschiedenen Gründen wird der Anteil dieser Anleitungen zwar steigen, aber nicht in dem Maße, wie es sich funktionale Analphabeten wünschen würden.

Leichte Sprache in Betriebsanleitungen

Die so genannte Leichte Sprache ist nicht zu verwechseln mit kontrollierter Sprache [Verweis Dieter Gust, Autorenunterstützung – die schleichende Revolution] oder einfach verständlicher Sprache, wie sie zum Handwerkszeug des Technischen Redakteurs ohnehin gehört (aber andererseits umfasst die Leichte Sprache eine Reihe von Textmethoden aus diesem Handwerkszeug). [Verweis: Grundbausteine der Texterstellung].

Unter Leichter Sprache versteht man ein umfangreiches Regelwerk, das die Verständlichkeit von Texten für Lernbehinderte verbessert. Dies kommt in vollem Umfang auch funktionalen Analphabeten zugute. Das Regelwerk bezieht sich auf Wörter, Zahlen, Zeichen, Sätze, Texte und Gestaltung. Viele der Regeln kommen uns bekannt vor: sie gehören ohnehin zum täglichen Umgang beim Texten.

Das Umgehen mit diesem vielseitigen Regelwerk bedarf dennoch einer längeren Einarbeitungszeit für den Technischen Redakteur.

5Leichtesprache1

Bemerkenswert ist, dass Leichte Sprache nicht auf Text verzichten will, sie will ihn nur verständlicher machen. Dazu gehört, dass man Fremdworte zwar vermeidet, wenn sie nicht vermeidbar sind, sollen sie erklärt werden. Ebenso sollen Bilder den Text unterstützen, aber nicht ersetzen. Insofern ist auch bei Leichter Sprache eine vergleichsweise hohe Lesekompetenz gefordert, wenn auch auf deutlich reduziertem Niveau im Vergleich zu normalen Texten.

Nun stellt sich die Frage, warum man Leichte Sprache nicht zum Standard erklärt und alle Anleitungen darin formuliert? Dagegen haben sich einige Argumente herausgestellt:

  • Das Schreiben in Leichter Sprache will gelernt sein und erfordert vom Technischen Redakteur intensive Einarbeitung – selbst wenn jede Regel für sich nicht kompliziert ist. Zudem ist eine Prüfung durch die avisierte Zielgruppe vorgeschrieben, was den Aufwand nochmals erhöht.
  • Der Umfang Technischer Dokumentation vergrößert sich deutlich, bis hin zum doppelten.
  • Der zusätzliche Leseballast durch Leichte Sprache verringert die Lesemotivation für Normal-Lesende.
  • Die Wiedergabe auf mobilen Geräten ist kaum regelkonform auzuführen; die Schriftgrößen können kaum gewährleistet werden und das verstärkt notwendige Scrollen erschwert den Umgang mit den längeren Texten.

Fazit:

Leichte Sprache erscheint als Kompromiss, um funktionalen Analphabeten, deren Lesekompetenz nicht allzu sehr eingeschränkt ist, den Zugang zu Betriebsanleitungen zu vereinfachen.

Einige Nachteile der Leichten Sprache allerdings könnten deren Einsatz behindern, insbesondere der größere Textumfang und die niedrigere Lesemotivation für Normalleser.

Stand der Dinge: Produkthersteller sind noch nicht sensibilisiert

Was von den genannten 4 Möglichkeiten wird derzeit in der Praxis umgesetzt? Eine nicht repräsentative Interview-Umfrage zur Iststandsanalyse (Christina Maria Schneider, „Wenn Gebrauchsanleitungen auf funktionale Analphabeten treffen“, 2013) bei 10 deutschen Unternehmen unterschiedlichster Branchen ergab, dass bislang noch kein systematischer Ansatz gefunden wurde, um Anleitungen auch für funktionale Analphabeten verständlich zu machen. Erschreckenderweise wurde während der Interviews sogar festgestellt, dass kaum ein Unternehmen auf diese inzwischen ja nicht mehr zu vernachlässigende Bevölkerungsgruppe eingeht. Stattdessen verweisen die Unternehmen darauf, dass einerseits ihre Anleitungen ausreichend mit Piktogrammen und anderem Bildmaterial ausgestattet sind, und dass andererseits zum Betrieb ihrer Produkte bestimmte Mindestanforderungen nun einmal einzuhalten sind. Andere Unternehmen, wie der Kfz-Hersteller Daimler, nehmen bewusst keine Rücksicht auf diese Zielgruppe.

Hier ist dringender Handlungsbedarf bei der Anfertigung der Zielgruppenanalyse angesagt! Kein Hersteller darf alleine aus Haftungsgründen den Fehler machen, diese inzwischen ja signifikante Gruppe nicht zu berücksichtigen!

Kompromisslose Umsetzung für funktionale Analphabeten nicht trivial

Ebenfalls untersuchte Christina Maria Schneider Bedienungsanleitungen von Konsumgütern, die bereits an die Bedürfnisse funktionaler Analphabeten angepasst wurden. Hier offenbarte sich die Schwierigkeit, Anleitungen zu gestalten und zu verfassen für beide Zielgruppen, nämlich für funktionale Analphabeten und zugleich für Anwender, die uneingeschränkt lesen können.

Zudem fiel auf, dass eine kompromisslose Umsetzung von Anleitungen für funktionale Analphabeten äußerst schwierig ist, wenn nicht sogar unmöglich: textarme Anleitungen lassen sich nur für ganz bestimmte einfache Produkte erstellen; nicht alle technisch komplizierten Sachverhalte lassen sich durch die reine Bildsprache ausdrücken, man denke hier wiederum an Warn- und Sicherheitshinweise.

Ausblick

Das Problem des funktionalen Analphabetismus ist allgemein anerkannt. Die Gesellschaft in Deutschland hat die Herausforderung allerdings bislang nicht angenommen, die Ursachen werden nicht beseitigt; ganz im Gegenteil: die LdS-Methode wird den Anteil der Analphabeten noch steigern. Nur wenige halbherzige Maßnahmen werden zur Bekämpfung der Symptome finanziert – und nicht einmal diese werden in größerem Umfange von der Zielgruppe angenommen.

Für die Technische Dokumentation bestehen wenige Möglichkeiten, auf die funktionalen Analphabeten gezielt einzugehen: textarme oder textfreie Anleitungen wären eine probate Lösung, aber die Erstellung ist aufwändig und bei technisch komplexen Produkten kaum ausführbar.

Multimediale Anleitungen mögen mittelfristig eine Lösung sein – derzeit ist die Produktion zu aufwändig, die Wiedergabemöglichkeiten beim Nutzer unvorhersehbar und die rechtliche Absicherung fehlt.

Leichte Sprache wird als beste Möglichkeit von verschiedenen Autoren bevorzugt, aber sie kann nur ein Kompromiss sein: es wird nach wie vor eine hohe Lesekompetenz erwartet. Zugleich sind Fassungen in Leichter Sprache für Normalleser zeitraubend zu lesen, und für das Produzieren von 2 verschiedenen Fassungen wird ganz sicher kaum ein Unternehmen zu begeistern sein.

Trotz des signifikanten Anteils von funktionalen Analphabeten an der erwerbstätigen Bevölkerung gehen zur Zeit die Unternehmen die Herausforderung nur halbherzig an.

Eigentlich wäre es sinnvoller, wenn die Gesellschaft eine Reform der Schulbildung in Richtung besserer Lesekompetenz angehen würde und wenn Arbeitgeber einen Nachweis einer Mindestlesekompetenz einfordern würden, um Personen- und Sachschäden zu verhindern.

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